DDR-Jugend für die heutige

D1Ein interessantes Projekt versprach es zu werden, idealer Zeitpunkt, kompetente Referenten von außerhalb, einen ganzen Vormittag Zeit und das Thema sollte mit den Zehnern anschaulich und lebendig bearbeitet werden: Das Land hinter dem Zaun. Jugend in der DDR.

Jeder sollte etwas aus der DDR mitbringen: einen Haushaltsgegenstand, ein Dokument, Fotos, Geschichten…. Sicherheitshalber dekorierte ich Fenster und Fensterbänke selbst, einige Sachen brachte ich von zu Hause mit, das meiste fand ich aber in den Schränken der Schule: FDJ-Wimpel, Halstücher, Deko aus dem Lehrerzimmer, alte Urkunden, Schallplatten, Dias….  Auch drei Schüler  (von 22) brachten etwas mit.

Meine Rolle bestand eigentlich nur darin, dabeizusitzen, die Schüler zu beobachten. Und im Zaum zu halten. 6 Stunden lang. Ich hatte dann die schlimmste Migräne meines bisherigen Lebens.

In der Vorstellungsrunde haben die Jungs es für nötig befunden, wildfremden Menschen ihre Hobbys mitzuteilen: “ Ich treffe mich gerne mit Freunden. Und ich hebe gerne einen.“ Rückfrage: „Was für Gewichte hebst du denn?“ – „Na Bier!“  „ich spiele gerne Counter-Strike und wir trinken gerne einen zusammen“…. Die meisten der Jungs berichteten von ihrem Alkoholkosum, voller Stolz. Leider versank ich nicht im Boden.

Ein Schüler erklärte, ihn interessiere das Thema, denn er schreibe die Projektarbeit zur Mauer. Natürlich wurde er gefragt, wann diese denn gebaut wurde. Ungefähr. Das Jahrhundert.  Stetes Schulterzucken.

Freilich haben viele gut gearbeitet und mitgemacht, waren interessiert und fanden es auch interessant. Doch das bleibt sicher nicht von uns in Erinnerung. Nach einer längeren Pause haben die Jungs aufgedreht, sie sangen schon mal ein Lied, sie grölten zusammen „E-rika“. Auf die Rückfrage, warum sie das sängen, stammelten  und alberten sie rum. Der Referent schilderte ihnen daraufhin eindringlich die Verbrechen der Wehrmacht. (Das es ein „Nazi-Lied“ ist, wussten sie.)  Wieder tat sich der Boden für mich nicht auf.

Als die einzelnen Gruppen ihre Arbeitsergebnisse vorstellten, zeigte sich wieder das „normale“ Bild: sehr gute Zusammenfassungen einzelner Schüler, dies abwertende Bemerkungen der anderen, die selbst nur zwei Sätze vorlesen konnten. Rumalbern. Motzen.

In der Abschlussrunde kam leider nicht viele fundierte Meinungsäußerungen: „Schön“ „Interessant“  „Ich wusste einiges noch nicht“ (Ha, „einiges“ !!!) „Ist jetzt Schluss?!“

Ich glaube, auch die Referenten waren geschafft. Und ich möchte lieber nicht wissen, was sie  auf der langen Heimfahrt über uns gesprochen haben.

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3 Antworten zu DDR-Jugend für die heutige

  1. Vielleicht bewerte ich das falsch. Jedoch glaube ich, wenn einem ‚gestandenen‘ Pädagogen nur noch eine Beobachterrolle im Bezug auf seine Schüler zufällt, ist das derzeitige Bildungssystem keinen Pfifferling wert.

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