„Jeder sieht die Grenzen seines Gesichtsfeldes
als die Grenzen der Welt an.“
Arthur Schopenhauer
„Jeder sieht die Grenzen seines Gesichtsfeldes
als die Grenzen der Welt an.“
Arthur Schopenhauer
Stimmt den meine Zählung überhaupt? Seit wann leben wir bereits mit „Kontaktverbot“?
Ich träume mich weg. Immer mal wieder. Doch heute sitze ich wieder fast den ganzen Tag am Computer. Im Keller. Nennt sich Arbeitszimmer. Homeoffice. Ich versuche wieder, einigermaßen sinnvolle Aufgaben zu erstellen und sie in der Schulcloud hochzuladen. Die will nur nicht so, wie ich gerne möchte und zeigt mir meine digitalen Grenzen. Also mache ich immer mal wieder ein Spielchen. Einige Neuner und Zehner haben die Hürden des Registrierens schon gemeistert und erste Lösungen geschickt. So ein ausführliches Feedback schaffte ich sonst nur in Ausnahmefällen. Ich habe ja jetzt Zeit. Obwohl – ich wollte doch das Schränkchen abschleifen, das letzte Beet umgraben, mich künstlerisch betätigen, bügeln, durch den Wald laufen, meine Hefter in Ordnung bringen, Karten schreiben, das Buch weiterlesen …. Ach, morgen ist ja auch noch so ein Tag!
Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden!
„Ein voller Terminkalender
ist noch lange kein erfülltes Leben.“
Kurt Tucholsky
Umgedreht. Wozu ich Ameisen verhalf. Denn ich war emsig im Garten. Unermüdlich. Heute schaffe ich noch das Beet vor meinem Fenster, dann bin ich eine Runde rum und fange von vorne an. Ich habe sogar eine Reihe Kartoffeln gesteckt! Es gibt auch wieder Erdbeerpflanzen und auch Salat, wie in den Anfangszeiten des Gartens. Die vereinzelten Nachbarschaftsspaziergänger staunen nicht schlecht. Doch auch bei Trockenheit gedeiht das Unkraut prächtig. Ich grabe und grabe, der Hausherr muss manchmal sogar mit der Spitzhacke helfen. Das macht er immer dann, wenn sich eine Fliese besonders widerborstig anstellt. Irgendwann wird das kleine Bad schon fertig werden. Genau wie der Garten. Seit Wochen werkeln wir auf unseren Baustellen, das hilft etwas gegen den Trübsinn. Mit der Gesamtsituation unzufrieden machen wir mal „was anderes“. Mit der vehementen körperlichen Arbeit haben wir die Tierwelt infiziert. Sperlinge nisten in der Dachrinne, Amseln auf einem Balken und Rotschwänzchen auf einem anderen. Ein Dachs lief immer am Zaun entlang, ein unbekanntes Tier hat ihn unterhöhlt. Die Katzen sielen sich in der trockenen Erde. Alle Katzen. Dann düngen sie. Tausende Waldameisen siedeln im Hackeklotz und schleppen sehr viel Material dorthin, ein Haufen ensteht. Sie mühen sich unermüdlich mit riesigen Lasten ab, tragen sie den Stamm hoch und lassen sie dann fallen. So räumen auch sie den Garten auf. Man kann sie sogar hören! Wir lassen sie, doch müssen wir uns wohl einen anderen Sitzplatz suchen. Die Hollywoodschaukel ist auch wieder schön, von dort kann man die Ameisen gut beobachten. Und dann arbeiten wir alles weiter.
Wann kann ich endlich wieder in die Schule gehen? Ich beobachte schon Ameisen.
„Aber glaubt mir,
dass man Glück und Zuversicht
selbst in Zeiten der Dunkelheit zu finden vermag.
Man darf nur nicht vergessen, ein Licht leuchten zu lassen.“
(Dumbledore in „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“)
Wir waren nicht allein unterwegs, auf dem Radweg entlang des alten Bahndamms, die Idee zu radeln hatten wahrlich viele. Ziel war wieder Duderstadt, doch ohne Einkehr. Dafür mir einer Runde auf dem Wall und Picknick. Natürlich war auf dem Rückweg , immer bergan, ordentlich Gegenwind. (Ich sollte außerdem zukünftig bedenken, nicht unbedingt eine Jeans zum Radfahren zu tragen.) Auch fiel der Besuch im Biergarten aus, da es einfach keinen geöffneten gibt, aus Gründen.
Ich will aber einen Biergarten! Oder wenigstens Bier im Garten. Los geht’s:
„Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf – es kommt nur auf die Entfernung an.“
Marie von Ebner-Eschenbach
Die Bahnfahrt zog sich wieder endlos, die Stunden tröpfelten so dahin. Dabei hatte alles wunderbar geklappt: vorzügliche Abendverköstigung bei GroßF, ein paar Spielchen und ein paar Stunden Schlaf auf dem Sofa. Frühmorgens wurden wir vor dem Bahnhof in Frankfurt abgesetzt, wir hatten noch Zeit für einen Kaffee und im Buchladen kaufte ich Lesefutter. Im Zug hatten wir gute Plätze und bis Paris nur einige Minuten Verspätung. Um zum anderen Bahnhof zu kommen, fährt man mit der U-Bahn, das klappt ganz ganz, allerdings wird der Koffer mit jeder Treppe schwerer. Viele Treppen, hoch, runter, hoch, runter. Doch wir schaffen es, der Zug ist schon da, wir haben noch ein paar Minuten. Aber es zieht sich …. Irgendwann habe ich keine Lust mehr, auf dem Handy zu spielen, lesen geht nicht, schlafen auch nicht, zum Glück wird die Landschaft draußen vor dem Fenster wieder abwechslungsreicher. Endlich, endlich, sind wir da. Wir warten ein paar Minuten an der Bushaltestelle und steigen dann in der Mitte ein, wo die Koffer Platz haben. Dafür werden wir vom Busfahrer zurechtgewiesen, auf Französisch, versteht sich. Direkt am Hafen steigen wir aus, inzwischen sind wir auch aufgeregt, ob unser Schiff unsere Abwesenheit gut verkraftet hat. Alles ist gut! Nur ein bisschen schmutzig, aber das ist ja klar. Luken auf zu Lüften, das Anleger-Bier trinken wir an Deck, im Sonnenschein. Dann räumen wir hin und her und richten uns wieder ein. Die erste Nacht mit leichtem Schaukeln vergeht im Tiefschlaf. Schon mit der Dämmerung werde ich wach, es warten viele Aufgaben, ich will endlich loslegen. Auch auf anderen Schiffen wird schon gewerkelt, die ersten Surfer und Kiter sind in der Bucht, viele Kinder machen ihre Paddelboote fertig und wollen ins Wasser. Das wird ein feiner Sonntag! Ich bin voller Vorfreude.
Cut.
So war es Anfang Februar. So sollte es auch jetzt, Anfang April, sein. Nur wärmer.
Stattdessen: Seit Tagen grabe ich um, entferne Unkraut. Der Skipper gräbt auch um, das Bad. Auch hier musste alles raus. Und neues muss noch rein. Das Wetter ist herrlich, heute und morgen soll es auch richtig warm werden. Doch freuen kann ich mich darüber nicht wirklich. Auch wenn wir Haus und Garten haben und den Wald dahinter. Raus können. Ich schaue immer mal wieder zur Webcam, um den Hafen zu sehen. Da ist niemand! Niemand flaniert, auch Jogger oder Leute mit Hund sind nicht mehr zu sehn. Ostern kann mich mal.
Verschiebe nicht auf morgen,
was genausogut
auf übermorgen verschoben werden kann.
(Mark Twain)