Vom Aussterben bedroht

Erwin Strittmatter beschreibt im „Laden“, wie Bossdom elektrisch wurde.

…“In Abständen weist der Mann auf eine Stelle am Wegrand, und Schestawitscha schlägt dort je ein Pfählchen ein. Wo solch ein Pfählchen steht, wird später ein Lichtmast eingepflanzt, ein Ausruhemast für die Drähte, durch die der Strom in die Häuser und in die Lampen schwirren wird.“

…“Jeden Tag geschieht im Dorf etwas, was vorher nie geschehen ist. Das hängt mit dem Elektrischwerden zusammen.

Langholzfuhrleute bringen geschorene Baumstämme, die Lichtmaste, ins Dorf. Wir begutachten die Lichtmaste. Hätten se se nich kunnt aus unsere Heede holen? fragt einer, und da die Lichtmaste eingebrannte Zahlen und geheimnisvolle Zeichen tragen, behauptet ein anderer: Die Bööme ham se in Fabrik gemacht.

Wir benutzen die liegenden Lichtmaste mit ihren geteerten Füßen, um uns auf ihnen im Seiltanz zu üben.“ …

Und wo sind sie nun, die Lichtmaste? Hier:

Immer an der Straße lang

Immer an der Straße lang

 

Aus dem gleichen Holz.

Aus dem gleichen Holz.

Ja, ich weiß, diese hier sind nicht fürs „Elektrische“, aber immerhin Masten aus Holz. Und die sieht man heutzutage nur noch selten! Ich bin mal gespannt, wie lange diese hier zwischen Worbis und Wintzingerode noch stehen.

Die Glühbirne soll ja auch aussterben, sozusagen gesetzlich verordnet. Deshalb hier nochmal Strittmatter, nochmal „Der Laden“ :

…“Alle Monteure, bis auf einen, ziehen ab. Der eine hat sich in Gulitzscha verheiratet. Er bleibt da, er wird den Elektrostrom begrüßen, wenn der ankommt. Ich bin gespannt auf diesen Augenblick und denke an Feierlichkeiten, an Musik, und erwarte, daß die Kapelle Kollatzsch zur Begrüßung des Stromes am Kriegerdenkmal einen Choral spielen wird: Licht, das in die Welt gekommen… oder sowas.

Aber der Strom kommt ganz unfeierlich ins Dorf. Zuerst taucht er in Gesprächen in der Schule auf: Strom ist doa, heißt es, bei uns ist schon welcher gewesen.

Ich komme aus der Schule, da ist der Strom auch bei uns. Der Monteur, der sich in Gulitzscha verheiratet hat, dreht die erste Glühbirne ein und unterweist meinen Vater in dieser Kunst. Mein Vater wird ein wichtiger Mensch, er genießt es. Ich muß ihm die Stehleiter halten, wir ziehen von Raum zu Raum, und jedes Mal, wenn eine Elektrobirne aufglüht, lobt sich der Vater: Nie hätt ich gedacht, daß ich mir so schnell ins Elektrische reinfitzen wer!“ …

Ade, Lichtmaste, ade, Glühbirne!

Und noch etwas: Nie hätt ich gedacht, dass ich mich so schnell ins Bloggerische reinfitzen würde!

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3 Antworten zu Vom Aussterben bedroht

  1. Matthias schreibt:

    Die Zeiten, in denen man unbedingt erst eine Fremdsprache wie HTML lernen musste, um eine Webseite zu gestalten, sind auch endgültig vorbei. Insofern ist der Webmaster auch vom Aussterben bedroht, weil jetzt jeder selbst Webseiten gestaltet. Web2.0 eben!

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