Als wir neulich ein paar Tage in Barcelona waren, wollten wir uns natürlich möglichst viel ansehen. Die Heerscharen von Touristen, oft um einen hochgehaltenen Regenschirm oder einem Fähnchen gedrängt, wollten das auch. Doch als Individualreisende erhebt man den Anspruch, von den Herden getrennt zu besichtigen. Doch Tourist bleibt Tourist, auch wenn man sich in einer normalen Wohnung das Bad und die Küche mit der spanischen Vermieterin teilt. Oder in der Kneipe um die Ecke frühstückt und in der Bar gegenüber den Absacker-Rotwein trinkt. Im Park Güell ist alles sehr weitläufig, doch an den Stellen, die in jedem Reiseführer abgebildet sind, drängten sich Japaner, Russen und blonde Menschen so dicht, dass wir flüchteten. An der Sagrada Familia standen die Menschen schon am Morgen eine halbe Runde um das Bauwerk in der Schlange, um Eintrittskarten zu erstehen. In strahlendem Sonnenschein, versteht sich. Da vergeht mir die Besichtigungslust. Abends auf der Rambla flanieren die Touristen nicht, sie strömen hinauf und hinunter. Im Olympiastadion war gerade ein großes Familienfest und zehntausende Kinder mit ihrem Begleitschutz bevölkerten nicht nur das Stadio, sondern auch die Wege in die Stadt und die UBahn. Nachdem wir 45 Minuten am Teleferic angestanden haben, um über den Hafen zu schweben, wollte ich nicht eine weitere Stunde warten, um mit fremden Leuten in einer Gondel zu kuscheln, für ziemlich viel Geld. Für Nachtaufnahmen fuhren wir in einem winzigen Fahrstuhl zu Kolumbus hoch, um dort in einem engen Gang rundum zu gehen, Schritt für Schritt, immer andere Leute vorbeilassend oder mit eingezogenem Bauch vorbeizugehen.
Abgesehen vom Touristenkoller, der uns jeden Tag mindestens einmal überkam, hat uns Barcelona sehr gefallen. Wir gingen eben eine oder zwei Straßen weiter, schon war es angenehmer, wir aßen und tranken in Kneipen und nicht in Restaurants. Wir fuhren nicht mit den oben offenen, teuren Touristenbussen, die ab Mittag hoffnungslos überfüllt waren, sondern fuhren mit den normalen Stadtlinien, eine Fahrt, mit Zehnerkarte und auch umsteigen, 98 Cent. Das Ticket für die Sagrada Familia bestellten wir am Vorabend im Internet und kamen sofort rein. Nur das Bier mussten wir bei der Kontrolle abgeben, bekamen es aber wieder und tranken es dann im Park.
Überhaupt waren die unverhofften Dinge wieder mal die besten: Massage am Strand, baden im Meer, vergessener Rucksack vom Barmann aufbewahrt, Ausgrabungsstelle in einem erstaunlichen Bauwerk, seltsame Vögel in den Palmen, 4-D-Kino mit Schreckmomenten, MarylinMonroe am Fenster, lecker Obstsalat in der Markthalle, eine Ausstellung mit wunderschönen Kinderbuchillustrationen, imposante Bauwerke aller möglichen Stile, verschiedene Viertel und Gassen, in denen man sich verlaufen könnte, eine riesige Verkostung von katalanischen Spezialitäten und und und. Ach ja: gegen Mitternacht in kurzer Hose und T-Shirt in einer Straßenkneipe ein kühles Bier genießen, ist im Oktober einfach wunderbar! So viel erlebt. So viel gesehen.

Würde ich halbnackte Frauen am Fenster fotografieren, würde das als sehr verwerflich eingestuft.
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